Ems und Rheiderland

Am „Ende der Welt“

Die Aaltukerei

Den kleinen Ort Pogum im Rheiderland nennt man nicht umsonst das „Ende der Welt“, für viele Bewohner des Rheiderlandes war hier tatsächlich die Welt zuende. Eingegrenzt durch den Dollart im Norden, Moorgebiete im Süden, die holländische Grenze im Westen und die Ems im Osten entwickelte sich hier eine bäuerlich geprägte Landschaft mit interessanter Geschichte, vom Elend der durch zahlreiche Sturmfluten im Dollart versunkenen Dörfer bis zum Reichtum der vom guten Boden profitierenden Bauern mit ihren prächtigen Höfen. Der Reichtum der „Polderfürsten“ ermöglichte auch den Kauf bedeutender Kirchenorgeln, von denen viele bis heute erhalten sind.

Diese Tour nutzt erneut die Kombination aus Ems und den zahlreichen Tiefs für einen Rundkurs. Über die Vorsichtsmaßnahmen bei Touren auf Ems und Dollart ist bereits bei den anderen Emstouren berichtet worden, man sollte sie auf jeden Fall beherzigen.

Rundkurs

Los geht es wie schon oft im Fährhafen Petkum, wo der Anleger der Fähre Petkum- Ditzum ein bequemes, tidenunabhängiges Einsteigen erlaubt. Bei auflaufendem Wasser geht es auf die Ems Richtung Ditzum, bei der Fahrwasserquerung immer die Berufsschifffahrt im Auge halten. Es folgt das aus der Ferne eher unscheinbar wirkende Ems-Sperrwerk bei Gandersum, welches sich beim Näherkommen jedoch als gigantisches Bauwerk entpuppt. Das Sperrwerk hat mehrere Öffnungen, darunter eine Hauptschifffahrtsöffnung (60 m breit) und eine Binnenschifffahrtsöffnung (50 m breit). Ausschließlich flussaufwärts fahrende Binnenschiffe, für die die Durchfahrtshöhe ausreichend groß ist, dürfen die Binnenschifffahrtsöffnung passieren. Zum Passieren sollte man auf jeden Fall eine größere Lücke im Schiffsverkehr abwarten.

An Gandersum und Oldersum vorbei taucht der bald Hatzumer Sand auf. Im Gegensatz zur anderen Emstour geht es jetzt auf Fahrwasserseite an der Insel vorbei. Der Wind dreht und frischt auf, in Emsmitte bildet sich durch die starke Strömung eine Kabbelsee. Da auch das Fahrwasser mit zum Teil recht großen „Pötten“ dem Westufer sehr nahe kommt, mache ich zunächst am Ufer halt und schaue mir die Sache vom Deich aus genauer an. Ich möchte ungern zwischen zwei Frachtschiffen kentern und überfahren werden. (aus heutiger Sicht war ich etwas übervorsichtig, aber geschadet hat es nicht. Auch wenn ich mittlerweile über diese Kabbelwellen lächeln kann und notfalls wieder hochrolle, ist es für Unerfahrene immer besser, auf Nummer Sicher zu gehen.)

Vom Deich aus sehe ich, dass das Schöpfwerk Coldeborgersiel nicht mehr weit entfernt ist und relativ gefahrlos angelaufen werden kann. Also zurück ins Boot, ein paar 100 Meter weiter paddeln und wieder ausssteigen. Die Ufer sind überall mit glitschigen Steinen befestigt, es knirscht und knackst unterm Boot. Wäre ein PE-Boot doch besser gewesen? Nun, die Schrammen halten sich in Grenzen, auf der Binnenseite des Sperrwerkes geht es weiter auf dem Coldeborger Sieltief. Wieder kommt der Wind von vorne.

In Coldeborg begegne ich einer Gruppe von Kindern, die in dem Tief angeln. Der größte von ihnen will sich etwas hervortun und versucht mit entsprechenden Kommentaren, den Blinker auf mein Boot zu werfen. Da das trotz der nicht vorhandenen Zielgenauigkeit nicht ganz ungefährlich ist, frage ich mit möglichst offizieller Stimme nach dem Angelschein. Das zeigt Wirkung: schnell werden die Angeln eingeholt und die Gruppe trollt sich.

Völlig vereinsamt geht es jetzt schnurgeradeaus weiter, bis rechts das Dwarstief abbiegt. Das Dwarstief verläuft als einziges Tief im Rheiderland mehr oder weniger parallel zur Ems und sollte eigentlich den Rückweg darstellen. Bereits nach wenigen 100 Metern taucht jedoch schon der erste Damm auf. Das Ein- und Austeigen ist bei unbefestigten Ufern im kippeligen Seekajak deutlich erschwert, aber es klappt trotzdem. Der Damm verbindet zwei Weiden miteinander, auf denen eine stattliche Anzahl von Kühen weidet, die mich erstaunt anblicken und die Gelegenheit nutzen, auf die gegenüberliegende Weide zu wechseln. Ich muss also warten, der Damm ist zu eng für Kuh und Seekajak. Als die letzten Kühe sich in Bewegung setzen, schultere ich das Kajak und will auch über den Damm. Leider entpuppt sich die letzte Kuh als Bulle und denkt gar nicht daran, weiterzulaufen. Ein kurzer Blick auf den weiteren Verlauf des Tiefs offenbart weitere Hindernisse, also entschließe ich mich, wieder zurück zum Sieltief zu fahren. Das Sieltief ist hier naturnah ausgebaut, mit Nebenarmen und kleinen Seen.

Nach etwa zwei Kilometern biegt rechts der Pallertschloot ab, deutlich größer als das Dwarstief. Hier geht es munter weiter, bis nach etwa einem Kilometer ein Wehr den Weg versperrt. Also umtragen und weiter. Es folgt ein Bauernhof, ein Damm erfordert erneutes Umtragen. Nach der nächsten Kurve – wieder ein Damm, es werden gerade Kühe darüber zum Stall getrieben. Leicht genervt frage ich den Landwirt am Ende der Herde, ob man hier weiterfahren kann. Freundlich nickend zeigt er Richtung Westen und antwortet im bemühten Hochdeutsch: „Zwei Brrrrücken noch, dann kommt die Aaltukerrrrrei“.

Tatsächlich geht es jetzt ohne Hindernis bis zur Aaltukerei, wo der Pallertschloot in das Ditzum-Bunder Sieltief mündet – eine hochoffizielle „Paddel- und Pedalstrecke“ übrigens, also garantiert paddeltauglich. Allerdings muss natürlich noch umgetragen werden…

Der Ort heißt nicht umsonst Aaltukerei – schon bei der Einsetzstelle ist alles voll Reusen, auch der weitere Verlauf des Sieltiefs bis Ditzum ist mit Stellnetzen übersät. Da kommt kaum noch ein Fisch durch. Immerhin habe ich endlich Rückenwind, so geht es schnell nach Ditzum.

Ditzum ist ein touristisch voll erschlossener Hafenort, und direkt an dem mit am häufigsten fotografierten Motiv, einer kleinen Fußgängerbrücke, kann man bequem anlegen, um das Boot auf die andere Seite des Siels zu bringen. Man muss allerdings schon etwas laufen, wer ein schweres Boot hat, benötigt Hilfe oder einen Bootswagen. Am anderen Ufer des Tiefs sitzt übrigens eine Gruppe Kinder und angelt… „Den kenn ich!“ – höre ich noch von hinten, dann mache ich mich mit dem Boot auf der Schulter auf den Weg.

Am Fähranleger geht es wieder auf die Ems, der Wind hat weiter zugenommen. Mittlerweile hat die Ebbe eingesetzt, es geht es mit etlichen Stützschlägen über die Ems zurück in den schützenden Petkumer Hafen.

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