Marburg – Emden per Rad

Eine Radreise quer durch Deutschland in die Vergangenheit: 1990 und 2026

Das Ziel:

Eine Radtour von 1990 möglichst dicht entlang der Originalstrecke zu fahren und dabei weitgehend das Material der damaligen Zeit zu verwenden.

Die Ostroute:

Marburg – Alsfeld – Bebra – Hessisch-Lichtenau – Dreiländereck He/Nds/Th – „Todesstreifen“ – Göttingen – Einbeck – Alfeld – Hannover – Kirchdorf – Twistringen –
Wardenburg – Detern – Emden.

Gefahren im heißesten Juni Deutschlands seit Beginn der Aufzeichnungen. 8 Etappen in 8 Tagen, insgesamt über 700 km. Wunderschöne Radwege entlang stillgelegter Bahnstrecken wechseln mit Irrwegen, Straßensperrungen und Umleitungen ins Nirvana ab. Es war immer spannend, wie die Strecke sich in den 36 Jahren verändert hat. Das Fahrrad fährt sich wie am ersten Tag, kein Platten, keine Reparatur.

Das Besondere an der Fahrt ist eine Art Schnitzeljagd: Finde ich die Orte wieder, an denen ich 1990 mit einer Super-8 Schmalfilmkamera die Fahrt aufgenommen habe? Wie haben sie sich verändert?

Der Film ist über eine Stunde lang und besser auf einem großen Bildschirm als auf dem Smartphone zu betrachten. Viel Spaß!

Material:

  • Fahrrad: Kuwahara „Aries“ (1988) , CrMo Stahlrohr gemufft und gelötet
  • Sattel: Brooks Ledersattel Conquest All Terrain (1989)
  • Nabe und Schaltung:
    Shimano Deore XT 7-fach 13-23, Kettenblätter Campagnolo 36Z, Sakae Ninja 24Z, Suntour XC Pro Schaltwerk und Daumenschalthebel
  • Bremsen: Suntour XC Pro Cantilever (1990)
  • Reifen: Schwalbe Marathon/Hurricane (2026)
  • Taschen: Ortlieb Backroller (1990)
  • Karten: ADFC-Karten (1989)
  • Kamera: Bauer C-107XL (Super-8 Film 1990) / GoPro Hero 7 Black von 2019
  • Neu: Nabendynamo und LED-Leuchten, Helm, Reifen

Progamme:

  • Schnitt – Shotcut (Linux)
  • Sound/Musik – Reaper (Linux) mit MIDI Keyboard
  • Flyover – Mapdirektor
  • KI-frei

Eigene Musik, teilweise unter Verwendung von Stücken von:
J.S. Bach, G.F. Händel, A. Dvořák, L.v. Beethoven

1. Etappe: Anreise und Marburg – Oberjossa

Mit dem Zug geht es zunächst von Emden nach Marburg. Wie auf meinen letzten Bahnfahrten üblich, gibt es auch hier Probleme. Der Start in Emden ist vielversprechend, selbst das mühsame Umsteigen in Hannover funktioniert reibungslos, Sitzplatz und Fahrrad waren ja reserviert.

Beim planmäßigen Halt in Kassel jedoch kommt die Durchsage, dass der Bahnhof Marburg wegen einer technischen Störung nicht angefahren wird. Es gäbe die Möglichkeit, von Frankfurt zurück nach Marburg zu fahren oder möglichst schnell auszusteigen, um in Kassel einen der regelmäßig verkehrenden Bummel- Regionalzüge zu nehmen. Das machen dann auch alle, viele davon mit Fahrrad. Der RE fährt natürlich nicht vom selben Bahnsteig, also geht es Rad für Rad in den Aufzug, der immer nur Platz für ein Gefährt bietet. Trotzdem sind die meisten rechtzeitig am Bahnsteig. Der Zug ist allerdings schon recht voll, und so werden alle vom Fahrdienstleiter prompt wieder nach draußen befördert, „sonst fährt der Zug nicht ab“. Es ist niemand zugegen, den man hätte fragen können, wie es weitergehen soll. Stattdessen drängt sich jemand in letzter Sekunde mit Rad in den Zug und fährt mit.

Kurzzeitig spiele ich mit dem Gedanken, mit dem Rad weiter zu fahren, allerdings würde ich erst nach Mitternacht in Marburg eintreffen, wo ich mir ein Zimmer reserviert hatte. Also eine Stunde warten und das gleiche Spiel. Diesmal allerdings verlässt keiner den Zug, der erneut überfüllt ist. Er füllt sich in jeder Haltestelle weiter, bis wirklich kein Zentimeter mehr frei ist.

Nach wenigen Stationen hält der Zug „außerfahrplanmäßig“. Laut Durchsage wieder eine Störung. Glücklicherweise bin ich im ersten Waggon und kann mithören, wie der Lokführer Triebfahrzeugführende von einem brennenden Waggon auf dem Gleis spricht. So warten alle dicht gedrängt im heißesten Juni aller Zeiten in praller Sonne etwa eine Stunde, bis der Brand gelöscht ist und die Fahrt weitergeht.

Am Ende sind es über drei Stunden Verspätung, bis Marburg erreicht wird. Die Geschäfte haben natürlich schon geschlossen, auch der Fahrradladen Glock, den ich gerne besucht hätte. Dort hatte ich 1988 zur Feier meiner bestandenen Diplomprüfung mein Mountainbike gekauft, mit dem ich diese Tour fahren will, genau wie 1990. Immerhin, im Juni ist es lange hell und zu essen gibt es auch noch.

Am nächsten Tag startet die eigentliche Radreise: Von der alten Wohnung am Ortenberg geht es die Lahnberge hinauf. Mitten durch den Wald, teilweise sehr steil. Dann aber die Abfahrt zum ersten Zwischenziel: die Amöneburg. Schon damals war der markante Basaltkegel im Amöneburger Becken ein beliebstes Ziel, obwohl nur 365 Meter hoch, bietet er eine atemberaubende Rundumsicht. Doch zuvor muss er erklommen werden – bei bis zu 10 % Steigung. Runter ist wieder einfach: Vorbei am Basaltsäulen-Geotop geht es rasant abwärts und anschließend über die Ohm auf einen ruhigen Waldweg, den ich bereits 1990 gefilmt hatte, nach Niederklein. Dort werde ich von lautem Sirenengeheul empfangen. Ein Anwohner, der davon völlig unbeeindruckt ist, erklärte mir den Grund: eine Feuerwehrübung.

Hinter Niederklein zweigt der Radweg in den Forst Schweinsberg ab. Schon bei der ersten Kreuzung ist er jedoch gesperrt, eine Umleitung nicht ausgeschildert. Ein Blick auf die Karte schafft Abhilfe, etwas weiter bergauf zweigt ein weiterer Waldweg ab und so geht es unter einem erst 2025 eröffneten Abschnitt der A49 hindurch ins Tal der Gleen. Über Lehrbach und Kirtorf führt der idyllische Weg weiter durch die Talaue bis nach Ober-Gleen. Es folgt ein leichter Anstieg über einige Dörfer nach Alsfeld an der Schwalm.

Nun folgt der schwierigste Teil der Etappe. Hinter Eifa gibt es keinen Radweg und die Straße führt in engen Kehren stetig bergauf, weshalb ich bei der ersten Gelegenheit auf einen Waldweg abbiege. Dieser wird leider immer unwegsamer, am Ende muss ich das Rad schieben, um kurz vor Lingelbach wieder auf die Straße zu gelangen. Hinter dem Ort eignet sich ein Feldweg eine Zeit lang als Alternative, doch dann geht es nur auf der Bundesstraße weiter bis Breitenbach mit dem Zeltplatz, der 1990 noch etwas kleiner war. Der Weg dahin hat sich jedoch kaum verändert.

Von Breitenbach geht es nun sehr entspannt über die Jossa und entlang einer alten Bahnlinie nach Oberjossa, wo ich am Abend vorher bereits ein Zimmer reserviert habe. Ich habe zwar alles für eine Nacht im Freien dabei, bevorzuge bei der Hitze jedoch ein Zimmer mit Duschmöglichkeit. Bei der Auswahl hilft das Angebot von Bett + Bike. Ich habe mir zuvor die passenden Übernachtungsmöglichkeiten auf das Smartphone geladen, auf dem ich neben den ADFC-Karten von 1990 die Route verfolge.

2. Etappe: Oberjossa – Morschen

Eine wunderschöne Etappe, zunächst entlang der alten Bahnstrecke der Knüllwaldbahn, später auf dem Radweg an der Fulda, die mich ab hier ein großes Stück begleitet. Erstes größeres Ziel ist Bad Hersfeld. Das „Cafe im Stadhaus“ von 1990 existiert nicht mehr, das Gebäude ist schwer zu finden. Selbst Nachfragen bei älteren Einheimischen ergeben keine Hinweise. Der Zufall hilft, das Gebäude liegt am historischen Klausturm und beherbergt jetzt eine Softwarefirma.

Hinter Bad Hersfeld geht es über die Fulda am Waldrand entlang über Friedlos und Mecklar nach Breitenbach bei Bebra, wo ich leider die falsche Abfahrt nehme. Durch Lüdersdorf geht es unfreiwillig etliche Höhenmeter auf den Adelsberg, bis die erste Abzweigung wieder auf den Fulda-Radweg führt. Hier sind noch die Spuren des heftigen Gewitters in der Nacht zu sehen.

Auf dem wunderschönen Radweg an den Fuldawiesen führt der Weg zur ersten Pause in Rotenburg. Ein kurzer Stadtbummel mit Eis sorgt für Abwechslung.

In Braach suche ich wieder einen Spot von 1990, weshalb der Fulda-Radweg kurz verlassen wird. Zurück am Fluss geht es nun bei erneut starker Hitze mal links, mal rechts der Fulda vorbei an alten Kiesgruben bis zum nächsten Stopp in Morschen. Das alte Stauwehr mit der Heckenmühle sieht noch genau so aus wie 1990. Am Abend braut sich bereits das nächste heftige Gewitter zusammen.

3. Etappe: Morschen – Friedland

Für mich eine der schönsten Etappen, trotz Regen und etlichen Höhenmetern geht es durch herrliche Landschaften zu geschichtsträchtigen Orten an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Zunächst führt die Tour bergauf Richtung Spangenberg, um den Zeltplatz von 1990 aufzusuchen. Bereits nach wenigen Kilometern setzt der Regen ein. Immerhin bleiben die Temperaturen dadurch bis zum Nachmittag unter 30 °C, für eine Regenjacke ist es jedoch immer noch zu warm. Zunächst auf der Landstraße, später auf Feldwegen schlängelt sich der Weg zu dem Ort mit dem markanten Schloss hoch oben auf dem Berg.

Kornfelder mit leuchtendem Klatschmohn und aus Holz geschnitze Figuren säumen den weiteren Radweg durch das Tal des Essebachs. In Schnellrode führt der Weg noch einmal kurz über die Bundesstraße, um die markante Walbachsmühle von 1990 wiederzufinden. Hinter Retterode biegt der Weg auf den Grimmsteig ab, der mich zur Kurstadt Bad Hersfeld führt. Auch hier, zwischen Hohem Meißner, Knüllwald und Kaufunger Wald ist mit dem Frau-Holle-Museum die Märchenwelt der Gebrüder Grimm allgegenwärtig. In der historischen Innenstadt ist leider auch das Cafe von 1990 historisch, es gibt viele Leerstände.

Es folgt der Wechsel von der Fulda zum zweiten Quellfluss der Weser, der Werra. Dazu verläuft der Weg entlang des Hohen Meißners, das Hinweisschild von 1990 in Velmeden ist leicht gefunden. Die Ortseinfahrt Laudenbach dagegen ist erst auf den zweiten Blick wiederzuerkennen. Hinter Uensgterode bietet der mächtige Viadukt von 1915 Hinweise auf die 2001 außer Betrieb genommene Gelstertalbahn. Teile der Bahn werden heute vom Herkules-Wartburg-Radweg genutzt, auf dem ich nun entlang der Gelster Richtung Witzenhausen fahre. Die Temperaturen steigen wieder, an einigen Stellen steigt Dampf vom regennassen Radweg auf.

In Witzenhausen überquere ich die Werra und gelange in das Dreiländereck Hessen – Niedersachsen – Thüringen. Der damalige Zeltplatz Reiffenhausen direkt an der innerdeutschen Grenze existiert noch. Zuvor gibt es jedoch einen kurzen, aber nicht leicht zu findenden Abstecher zum Grenzstein im Dreiländereck. Der markante Rusteberg half bei der Orientierung. Deutlich schwieriger ist die Lage am ehemaligen „Todesstreifen„: Die Grenzschutzanlagen sind abgebaut, die Wachtürme gibt es nicht mehr. Glücklicherweise sind auch die Minen entfernt, an die 1990, beim Gang über die Grenze, nicht gedacht wurde. Der größte Teil davon wurde bereits in der 80er Jahren von Grenzsoldaten im Zuge eines Kreditabkommens entfernt, ein Restrisiko besteht bis heute. Immerhin einen Spot von 1990, ganz ohne Zaun und Turm, kann ich wiederfinden, bis diese Etappe in Friedland beendet wird.

4. Etappe: Friedland – Einbeck

Der nächste Fluss, der mich nun begleitet, ist die Leine. Zunächst ist Göttingen das Ziel, die Universitätsstadt ist auf gut ausgebauten Radwegen schnell erreicht. Bis Bovenden geht es entlang der Hauptstraße, danach wieder „an die Leine“, die bei Nörten-Hardenberg überquert wird. Der folgende Leine-Radweg ist traumhaft, immer wieder bietet sich die Gelegenheit, eine kurze Rast direkt am Fluss zu machen – bei der Hitze eine willkommene Unterbrechung.

Hinter Höckelheim jedoch ist Vorsicht geboten, wer hier (wie ich) nicht aufpasst und die Abzweigung verpasst, landet nach etwa 2 Kilometern in einer Sackgasse an der A7. Zwar kann man sie unterqueren, aber spätestens bei der Mündung der Rhume in die Leine ist 100 Meter weiter Schluss. Also alles wieder zurück.

Hat man die richtige Route gefunden, geht es am Kieswerk entlang in den Leine-Polder. Für Ostfriesen bietet sich hier die Gelegenheit, wie zuhause auf dem Deich zu fahren – mit herrlicher Aussicht. Am großen Stauwehr bei Salzderhelden gibt es nochmal die Gelegenheit, das große Gebiet zu überblicken. Wem das nicht reicht, der kann auch die weithin sichtbare Ruine der Heldenburg erklimmen und noch weiter ins Land blicken. Für Ostfriesen ist das Burg-Cafe ein Geheimtipp, denn die Besitzerin kommt aus Emden und bietet regelmäßig Kulinarisches von der Küste an. Zum vorher gebuchten Zimmer ist es jetzt nur ein Katzensprung.

5. Etappe: Einbeck – Pattensen

Die nächste Etappe verläuft zunächst ein kleines Stück entlang der Landstraße bis Billerbeck. Dort zweigt der Radweg ab und verläuft durch die historische, aus rotem Sandstein errichtete Leinebrücke von 1863, über die noch heute die Bahnstrecke Langeland–Kreiensen führt. Es folgt der erneut traumhafte Leine-Heide Radweg, teils befestigt, teils geschottert, der Kilometer um Kilometer zwischen Bahnlinie und Leine verläuft. In Freden überqueren Bahn und Radweg die Leine, auf der anderen Seite geht es durch Alfeld bis Brüggen, wo ein altes Kieswerk als Lost Place langsam von der Natur zurück erobert wird. Hier gibt es auch einen Storch-Beobachtungsturm.

Hinter Brüggen geht es über den Oberg und ein kleines Stück entlang der B3 bis Banteln. Dort finde ich den Bahnübergang von 1990, der sich kaum verändert hat. Selbst der Jägerzaun ist noch da.

Der nächste Spot dagegen lässt sich nicht mehr genau orten. Irgendwo zwischen Elze und Pattensen konnte ich 1990 einen Container-Umschlagplatz filmen, auf dem Chiquita-Bananen umgeschlagen wurden, vermutlich wegen des Mauerfalls für die (Ex–)DDR. Er muss an einem Gleis liegen. Laut Internet-Recherche gab es in Nordstemmen so einen Platz, der allerdings anders ausssieht. Zur Sicherheit geht es auch durch Elze, hier wäre die Aufnahme von der Brücke aus möglich, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass der Bahnhof auch für Container genutzt wurde.

Von Elze Richtung Nordstemmen fahrend sieht man schon von Weitem das Schloss Marienburg auf dem Marienberg, welches jedoch leider wegen Renovierung geschlossen ist. Es gibt aber einen schönen Waldweg rund um den Berg, auf dem ich nach Schulenburg gelange. Über Jeinsen geht es durch Feldwege an die B3, wo ich die Kreuzung nach Hüpede von 1990 wiederfinde. Noch drei Kilometer und die nächste Station ist erreicht: Pattensen. Dort wartet schon eine Lasagne auf mich.

6. Etappe: Pattensen – Kirchdorf

Die Höhenmeter nehmen ab, die Strecke nimmt zu. Zunächst geht es von Pattensen über Gehrden und Großgoltern über Landstraßen, Feldwege und den Mittellandkanal bei Dedensen nach Luthe, um eine letzte Szene von 1990 zu suchen, die an der Leine liegt. Die Brücke nach Schloß Ricklingen ist der gesuchte Ort.

Über Wunstorf und Hagenburg führt der Weg vorbei an der immer noch imposanten Abraumhalde des Kalibergbaus bei Bokeloh ans Steinhuder Meer zur ersten größeren Pause. Es ist keine Wolke am Himmel, die Sonne brennt, die ersten 3 Liter Wasser sind bereits getrunken. Über staubtrockene Schotterwege und Feldwege schlängelt sich der Weg zunächst nach Winzlar, dann nach Rehburg. Dort verlasse ich die Landstraße und biege in das Rehburger Moor und das Hüttenmoor ab. Kilometer um Kilometer zog sich der Feldweg schnurgerade durch das ehemalige Moor – wie 1990 auch. Der Weg ist schnell gefunden, Häuser gibt es hier nicht. Das Moor ist kuliviert, hin und wieder gibt es aber Reste, die erahnen lassen, wie die riesiger Fläche einmal ausgesehen haben muss.

Am Ende überquere ich den Steinhuder Meerbach und genieße ein kleines Stück des schattigen Forstes Bingen. Ich nähere mich der Weser bei Landesbergen, weithin sichtbar durch den Turm des Kraftwerks, Die Weserbrücke bietet wieder einen Vergleich mit 1990, das Kraftwerk gibt es noch, aber die Zahl der Schornsteine hat sich von vier auf einen reduziert. Es dient nur noch als Reservekraftwerk, zudem befindet sich dort ein Biomassekraftwerk. Nach den beiden Quellflüssen Fulda und Werra habe ich nun auch die Weser überquert.

Über Wellie führt der Weg nun nach Steyerberg, wo mich erneut ein phantastischer Radweg erwartet. Die ehemalige Bahnstrecke Nienburg–Rahden wurde teilweise schon in den 70er Jahren zurückgebaut und ist heute Teil des Radrundweges „Die Kirche im Dorf“. Dass die Oberfläche nicht in Bestzustand ist, stört mein Rad wenig, dafür ist der Weg eine endlos erscheinende Allee, deren Schatten bei erneut wolkenlosem Himmel Gold wert ist. Leider muss ich irgendwann den Weg verlassen, da die gesuchte Route in eine andere Richtung geht.

Kurz vor dem Ziel in Kirchdorf gibt es noch eine echte Sehenswürdigkeit: die Kirchdorfer Heide. Holzbohlen führen hier zum Aussichtspunkt, wo der Blick auf eine weite Heidelandschaft geht. Leider außerhalb der Blütezeit.

7. Etappe: Kirchdorf – Wardenburg

Die folgende Etappe verläuft zu einem großen Teil durch den Naturpark Wildeshauser Geest. Auf dem Weg von Kirchdorf nach Barenburg finde ich zunächst ein Fachwerkhaus von 1990 wieder. Dann führen Feldwege nach Groß Lessen, wo jedoch die Ortsdurchfahrt am Bahnübergang gesperrt ist. Auch die Umleitung entpuppt sich als Sackgasse, erst der dritte Übergang über die ohnehin nicht mehr genutzte Bahnstrecke ist geöffnet.

Durch große Ackerflächen, hin und wieder durchsetzt von kleinen Wäldchen, gelange ich zumeist auf Feldwegen nach Twistrigen, wo ich im Schatten der mächtigen Kirche eine kleine Pause einlege. Hinter Twistringen überquere ich zweimal die Delme, um in Harpstedt wieder einen Spot von 1990 zu finden. Viele Häuser wurden anscheinend renoviert, doch sogar der Baumarkt existiert noch. So lässt sich die Aufnahme von damals klar verorten.

Eine weitere Rückblende in das Jahr 1990 folgt nur ein paar Kilometer weiter entlang der Delme: Die A1. Auf der schon damals viel befahrenen Autobahn wird gerade die Fahrbahn erneuert. Kurz hinter der Autobahnbrücke geht es links ab durch die Klein Henstedter Heide Richtung Klattenhof. Ein Waldweg bietet auf der Strecke nach Kirchhatten zwar keinen Fahrkomfort, jedoch wertvollen Schatten vor der erneut brennenden Sonne, ebenso der weitere Weg nach Sandkrug, wo ich die Hunte überquere. Von hier sind es nur noch wenige Kilometer bis zu meiner letzten Übernachtung in Wardenburg.

8. Etappe: Wardenburg – Emden

Aufgrung der angekündigten Rekordhitze geht am nächsten Tag schon früh los. Über schnurgerade Straßen führt der Weg über Achternmeer Richtung Küstenkanal, der mich nun ein ganzes Stück durch das Ammerland begleitet. In Süddorf schließlich überquere ich den Kanal und folge dem Lauf der Aue, die später auch Godensholter Tief genannt wird. Der Weg führt über Westerscheps, Godensholt und Nordloh – wieder ein Spot von 1990 – bis kurz vor Barßel, wo ich Richtung Tange abbiege und nach Detern gelange. Auf dem Weg dorthin, in Ostbarge, ist die Grenze nach Ostfriesland erreicht – genau wie 1990.

Nach einem kurzen Abstecher zur Burg Stickhausen geleitet mich die Jümme bis kurz vor Nortmoor. Durch den schattigen Logabirumer Wald führt der Weg anschließend über die Autobahn A28 zum Veenhuser Moor und zur endlosen Straße durch Warsingsfehn. Ohne größere Pausen, das Ziel quasi vor Augen, führt der Weg über Tergast zur letzten Abwechslung: Mit der Kurbelfähre, also mit reiner Muskelkraft wie beim Radfahren, setze ich bei Ippenwarf über das Fehntjer Tief.

Es folgen die letzten Kilometer über Simonswolde und Riepe, wo ich den Ridding überquere, bis ich kurz vor Uphusen die Stadtgrenze nach Emden erreiche. Geschaft!

Anmerkung

Der eigentliche Anlass der Fahrt war sehr persönlich, über den Grund möchte ich hier keine weiteren Informationen geben. Auch die von mir eingespielte Hintergrundmusik mit eigenen Ideen und Stücken klassischer Komponisten mag teilweise sehr melancholisch, vielleicht sogar langweilig erscheinen, ist aber so gewollt.

Im nächsten Jahr möchte ich eine weitere Tour machen, ebenfalls von Marburg nach Emden. Die Westroute von 1992 – wieder mit dem selben Material – führt die Lahn hinab an den Rhein, durch das Aartal und vorbei am Ruhrgebiet ins Münsterland, von dort durch die Moore des Emslandes wieder nach Emden. Ob ich wieder mit der Bahn anreise, ist noch nicht sicher.


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