Bei der Rückfahrt gibt es Wind von vorne!

Baltrum

Allgemeines – Paddeln im Wattenmeer

Baltrum ist die kleinste der bewohnten Ostfriesischen Inseln, die allesamt erst nach der letzten Eiszeit durch Ablagerungen entstanden sind. Wie bei allen Ostfriesischen Inseln kommt es aufgrund der Meeresströmungen zu Abbrüchen auf der Westseite, denen man mit erheblichen baulichen Aufwand entgegenwirkt, während sich auf der Ostseite wieder Sand ablagert. Baltrum eignet sich bei ruhigem Wetter recht gut für erste Seekajaktouren, da die Entfernung sehr gering ist und das zwischen Norderney und Baltrum gelegene Seegat Wichter Ee durch die Othello-Plate (Robbenschutzgebiet vom 1.5. bis 1.10., benannt nach dem Wrack der Tally O.) und der nordwestliche Strand durch das Norderriff ca. 2 Stunden vor und nach Niedrigwasser etwas geschützt werden. Zudem kann man mit wenig Aufwand auch eine Pause auf dem Ostende von Norderney einlegen. Der kleine Fährhafen Neßmersiel bietet zudem eine günstige Einsetzstelle. Alternativ kann man auch zu Fuß nach Baltrum gelangen, einen kundigen Wattführer vorausgesetzt, oder natürlich die tidenabhängig verkehrende Fähre nutzen.

Alone at sea
Alone at sea

Das Seegat (Gat: Loch) Wichter Ee ist als einziges Seegat wegen der vielen Sandbänke (Riffs) nicht betonnt und kann von größeren Booten nicht sicher befahren werden. Seegatten sind immer mit besonderer Vorsicht zu befahren, da hier enorme Wassermassen eine relativ schmale Stelle passieren. Dadurch kommt es zu starker Erosion und anschließend durch die Verringerung der Fließgeschwindigkeit zur Ablagerung der Partikel. Die flachste Stelle wird Barre genannt, hier können sich schnell gefährliche Grundseen aufbauen, da durch die geringe Wassertiefe die Wellen beim Auftreffen steiler und höher werden und auch Sand (Grund) mit aufwühlen. Die Sandbänke werden oft Plate genannt.

Auf der dem Festland zugewandten Seite sieht es völlig anders aus. Das Hochwasser strömt durch die Seegaten und füllt das einer Insel vorgelagerte Wattenmeer von beiden Seiten. Wo beide Ströme aufeinander treffen (etwas östlich von der Inselmitte), lagern sich aufgrund der geringen Strömung Sedimente ab. Diese Stelle ist die höchste im Inselwatt und wird Leegde (leeg: niedrig, trocken) genannt. Bei Niedrigwasser sind die meisten Leegden selbst für ein Kajak zu flach oder fallen ganz trocken.

Diese Tour erfordert die gleichen Sicherheitsmaßnahmen wie alle Seekajaktouren im Wattenmeer. Ohne Wärmeschutz (Neo oder Trockenanzug), Schwimmweste, Kompass, Karte, Handy oder Funke usw. ist es eine gefährliche Angelegenheit. Besonders im Gat und auf der Seeseite kann sich schnell eine gefährliche Brandung aufbauen. Auch plötzliche Wetteränderungen stellen eine Gefahr dar. 2005 kam es im Seegat zu einem tödlichen Unfall:

Tragischer Ausgang eines Ausflugs von fünf Kajak-Fahrern aus Osterholz-Scharmbeck am Sonnabend: Ein 64-jähriger Mann kam bei der Überfahrt von Neßmersiel nach Baltrum ums Leben. Die Gruppe – drei Einer- und ein Zweierkajak – hatte sich am Sonnabendmorgen aufgemacht. Unterwegs fuhr das Zweierkajak allein weiter und nahm den direkten Weg nach Baltrum. Die drei Einer wollten durch die Wichter Ee Richtung Nordsee zur Insel. Die dortige Brandung erwies sich für die Männer (52, 64 und 69) als zu stark. Alle drei Boote kenterten. Während es zwei Leuten gelang, ihre Kajaks wieder aufzurichten (einer kugelte sich dabei einen Arm aus), verließen den 64-Jährigen schnell die Kräfte. Die beiden anderen Männer bargen ihn leblos aus dem Wasser, Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Die Gruppe wurde vom Ost-Nordost-Wind zur Nordspitze von Norderney getrieben. Ein Rettungshubschrauber brachte den 64-Jährigen ins Norderneyer Krankenhaus. Dort konnte nur noch dessen Tod festgestellt werden.
© Emder Zeitung, 11.09.2005

 

Eine andere Gefahr, vor allem in den Wintermonaten, ist der plötzlich auftretende Seenebel. Am 23. Dezember 1866 wurde er dem 21-jährigen Seeschifffahrts-Schüler Tjark Evers zum Verhängnis, als dieser nach Baltrum übersetzen wolte, um  Weihnachten mit seiner Familie zu verbringen. Wahrend sein Freund sicher auf Langeoog abgesetzt wird, landet Tjark irrtümlich nicht auf Baltrum, sondern auf einer Sandbank davor. Als er den Irrtum bemerkt, ist es schon zu spät. Seine letzten Gedanken findet man gut zwei Wochen später auf Wangerooge in einer Zigarrenkiste, die mit einem Taschentuch umwickelt ist.

Die Fahrt

Los geht es schon vor Sonnenaufgang etwa 2,5 Stunden vor Niedrigwasser im langsam trockenfallenden Hafen von Neßmersiel. Ein Ponton ermöglicht noch einen einigermaßen komfortablen Einstieg. Am Leitdamm geht es etwa 1,3 km Richtung Norden, rechts liegt das Baltrumer Inselwatt. Entlang des Fahrwassers gelangt man an der Neßmer Plate (Seehunde!) vorbei zum Ostende von Norderney. Hier kann man bequem nördlich des Zauns (südlich: Vogelschutzgebiet!) aussteigen und das Wrack des Schillsaugers Capella (s.u.) und die Seehunde bestaunen. Anschließend geht es durch das Gatt nach Baltrum. Entlang der Buhnen geht es nun zum Strand in Höhe des Westdorfes. Jetzt heißt es warten, bis das Wasser wieder kommt.

Nach ausgiebigem Frühstück geht es weiter Richtung Ostende. Die imposanten Brecher in der Brandungszone zwingen zum Nachdenken – entweder durch die kabbelige See oder lieber die sichere Variante am Strand entlang treideln? Angesichts des eiskalten Wassers und des auffrischenden ablandigen Südwinds bleibe ich lieber am Strand. Treideln in der Brandung ist auch eine Erfahrung… Die anderen haben mehr Erfahrung und nehmen den Seeweg. Am Ostende treffen wir uns wieder und nun geht es mit auflaufendem Wasser wieder zurück Richtung Neßmersiel. Der Wind frischt auf, die kurzen steilen Wellen harmonieren leider überhaupt nicht mit meiner Bootslänge. Immer wieder wird der Bug vom Wind nach Lee geworfen, der Bug platscht in die nächste Welle, es ist frustrierend, wieviel Energie trotz Gezeitenhilfe benötigt wird, um zumindest nicht rückwärts zu fahren. So brauchen wir für die Rückfahrt etwa doppelt soviel Zeit wie üblicherweise für eine solche Strecke. Ich komme mir vor wie ein Treibanker…

Die zweite Fahrt

Gut ein Jahr später: strahlender Sonnenschein, schon fast angenehme Wassertemperaturen und absolute kein Wind sorgen für eine sehr entspannte Fahrt. Diesmal wird ein Abstecher zum Wrack auf Norderney gemacht. Weitere Pausen gibt es auf einer trockengefallenen Sandbank vor Baltrum und auf dem Ostende vor dem Vogelschutzgebiet. Eine leichte Dünung ermöglicht sogar ein paar Meter Surfgenuss. Völlig entspannt geht es mit auflaufendem Wasser zurück bis zur Leegde, ab dort muss doch noch aktiv gepaddelt werden.

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