Gewitter über Barstede

Landschaftskunde

Die Landschaften Ostfrieslands

Wer abseits von asphaltierten Straßen oder künstlichen Kanälen durch die Landschaft streift und möglichst „unberührte“ Natur sucht, fragt sich unweigerlich, ob es so etwas überhaupt gibt und wie sich die verschiedenen Landschaftsformen entwickelt haben. Die geologische Entstehungsgeschichte Ostfrieslands ist sehr interessant und hilfreich beim Verständnis der heutigen Oberflächengestalt, soll aber an dieser Stelle aber nur verkürzt dargestellt werden – es gibt bereits viele gute Internetseiten und Bücher zu diesem Thema.

Drei Faktoren hatten einen großen Einfluss auf die Landschaft Ostfrieslands:

  • die Eiszeiten, insbesondere die Saale Kaltzeit
  • die Nordsee mit dem durch Kalt- und Warmzeiten stark schwankendem Meeresspiegel sowie den Gezeiten
  • der Mensch, der sich die Landschaft seinen Bedürfnissen angepasst hat

Die Eiszeiten – Entstehung von Geest und Moor

Bereits vor den heute bekannten Eiszeiten gab es große Klimaschwankungen, die sich auch auf den Wasserspiegel der Ozeane auswirkten.

Zu Beginn des Quartärs (Erdneuzeit, begann vor etwa 2,5 Mill. Jahren) sank und stieg der Meeresspiegel der Nordsee mehrfach um bis zu 100 m. Von der ersten Eiszeit, Elster – Eiszeit (in Süddeutschland Mindel-Eiszeit) genannt, sind heute kaum noch Spuren zu erkennen, da sie von den folgenden Kalt- und Warmzeiten verwischt wurden.

Die vor etwa 130 000 Jahren endende und bis zu den Mittelgebirgen reichende Saale-Eiszeit dagegen formte mit ihren Gletschern und Moränen den heutigen Oldenburgisch-Ostfriesischen Geestrücken. Aus Skandinavien wurden durch die Bewegung des Eises große Mengen an Schutt und Geröll („Geschiebe“) nach Norddeutschland befördert und abgelagert, wodurch die typische Glaziale Serie mit Grundmoräne, Endmoräne, Sander und Urstromtal entstand. In Ostfriesland findet man vor allem Grundmoränen (die Geest) und kleinräumige Sander (heute noch an Ortsnamen wie „Ostersander“ erkennbar), während die Endmoränen z.B. den Hümmling und die Dammer Berge bildeten. Ohne diese eiszeitlichen bis zu 200 m mächtigen Ablagerungen würde das Norddeutsche Tiefland wahrscheinlich zur Nordsee gehören. Das Schmelz- und Niederschlagswasser floss in breiten Rinnen in die Nordsee.

Die jüngste der Eiszeiten, die Weichsel-Eiszeit, hatte keinen direkten Einfluss auf Ostfriesland, da sie nur bis etwa zur Elbe (genauer: Weichsel, daher der Name) gelangte. Durch den Klimawandel und schwankende Meeresspiegelhöhen jedoch formte auch sie die Landschaft mit. Durch den starken Wind bildeten sich aus dem Material der Moränen große Flugsandflächen, wie sie heute noch z.B. an der Ems zu finden sind. Die Nordsee war nur halb so groß wie heute, man findet heute noch Skelette von Landtieren auf dem Meeresgrund.

Mit dem Ende Eiszeiten begannen sich auf den Geestrücken die Moore zu bilden. Das atlantisch beeinflusste Klima schuf durch die vielen Niederschläge hierfür die notwendige Voraussetzung. Es bildeten sich zunächst in den Feuchtgebieten am Geestrand die Niedermoore, später dann bis zu zehn Meter hohe Hochmoore. Die Hochmoore
bestehen fast ausschließlich aus Torfmoos und decken den Wasser- und Nährstoffbedarf nur durch die Luft, durch Niederschläge und Flugstaub, während die Niedermoore auch durch Grundwasser versorgt werden. Überreste von Hochmooren finden sich heute beispielsweise beim Ewigen Meer oder in Wiesedermeer, die etwas häufigeren Niedermoore in der Fehntjer Tief Niederung.
Intakte, unberührte Moore gibt es in Ostfriesland nicht mehr, auch wenn einige unter Schutz gestellte Gebiete einen Eindruck davon vermitteln, wie die Moore ursprünglich ausgesehen haben.

Die Nordsee – Enstehung von Watt, Inseln und Marsch

Der ständig wechselnde Meersspiegel – durch Kalt- und Warmzeiten ebenso wie durch Ebbe und Flut – bildete die heutige Küstenregion mit den Inseln, dem Watt und der Marsch. Wer auf einer Wattwanderung ein Stück Torf entdeckt, muss sich nicht wundern: ehemalige Moorgebiete wurden während der Warmzeit bei steigendem Wasserspiegel wieder überflutet und mit Schlick bedeckt. Wir haben derzeit erdgeschichtlich gesehen „Hochwasser“, und das Wasser steigt weiter. Noch vor einigen 1000 Jahren sah die Küstenlinie völlig anders aus als heute, viele binnendeichs liegende Gebiete liegen heute unter dem Meeresspiegel und würden ohne Deich bei Hochwasser unter Wasser stehen. Die durch die Mondanziehungskraft verursachten Gezeiten bilden das Watt. Die Voraussetzungen sind günstig: ausreichender Tidenhub durch den Buchteneffekt und eine relativ ebene Fläche bilden ein großes Areal, welches periodisch überflutet wird und wieder trockenfällt. Die unterschiedliche Strömungsgeschwindigkeit des Wassers bewirkt unterschiedliche Ablagerungen, während in den Seegaten zwischen den Inseln Steine und grober Sand liegt, lagert sich der feine Schlick an Stellen mit geringer Strömung ab, in Ufernähe oder an höher gelegenen Stellen.

Das Watt ist ein extremer Lebensraum, zu den Gezeiten kommen große Temperaturschwankungen, im Sommer heizt sich das dunkle, ungeschützte Watt stark auf, während es im Winter gefriert und durch den Wind zusätzlich gekühlt wird. Durch den Eintrag von Süßwasser schwankt auch der Salzgehalt. All das führt zum Absterben vieler Lebewesen, die damit wieder die Nahrungsgrundlage der wenigen, an diese Bedingungen angepassten Arten bilden.

Die dem Watt vorgelagerten Inseln sich erdgeschichtlich noch sehr jung und wurden aus Sand gebildet, der durch Gezeiten und Wind dort abgelagert wurde. Die Inseln „wandern“ langsam in östliche Richtung, man erkennt dies auch an der Lage der Inseldörfer und den (auf längere Sicht erfolglosen) Versuchen, dieser Wanderung durch Uferbefestigungen Herr zu werden.

Wenn das Watt nicht mehr regelmäßig überflutet wird, bildet sich eine weitere typische Landschaftsform: die Marsch. Man unterscheidet hier die tief liegende geestnahe alte Marsch und die direkt hinter dem Deich liegende jüngere Marsch. Während die alte Marsch sich langsam verdichtete, kam es bei der jungen Marsch zu weiteren Ablagerungen durch Sturmfluten. Daher gibt es die tiefsten Stellen in Ostfriesland nicht wie vermutet direkt hinter dem Deich, sondern erst in einigen Kilometern Entfernung
Richtung Geest.

Erdgeschichtlich betrachtet ist Ostfriesland also ein junges Land: die Geest (mit Flugsand und Moor) fällt ins Pleistozän, die Marsch ins mittlere und obere Holozän und die sich ständig verändernden Inseln ins obere Holozän.

Der Mensch – die Kultivierung der Natur

Der Einfluss des Menschen ist größer als zunächst vermutet. Während sich die Menschen zunächst vor den Sturmfluten schützten, indem sie ihre Häuser auf Erdhügel (Warften oder Wurten) bauten oder kleine Deiche um ihr Land errichteten, erkannten sie relativ schnell den Nutzen eines ganz Ostfriesland umfassenden Deiches. Damit wurde die ehemals stark zerklüftete Deichlinie stark begradigt, regelmäßige Überschwemmungen blieben aus, die Buchten verlandeten und wurden mit eingedeicht. Zwar holten sich einige verheerende Sturmfluten immer wieder Teile des Landes zurück (es gibt etliche versunkene Dörfer im Watt, z.B. Torum im Dollart), aber insgesamt wurden die Buchten immer weiter begradigt. Selbst heute noch, trotz des „Nationalparks Wattenmeer“, ist die Leybucht als letzte an der Nordsee gelegene Bucht vor einiger Zeit durch den umstrittenen Bau einer Deichnase (Leyhörn) weiter abgeriegelt worden. Der Ausbau der Ems und das Emssperrwerk sind weitere der Natur nicht unbedingt zuträgliche Maßnahmen.

Ähnlich groß war der Einluss auf die Feuchtgebiete. Schon früh wurden Entwässerungskanäle gebaut, um aus Sumpfgebieten Wiesen und Weiden zu machen. Natürliche Wasserläufe wurde begradigt und ausgebaut. Die Moore wurden trockengelegt und landwirtschaftlich bearbeitet. Durch die intensive Bodennutzung gab es kaum Wälder, die heutigen Waldreste sind nahezu alle jüngeren Datums.

Nun kann man den Menschen von damals keinen Vorwurf machen – sie kämpften oft genug ums nackte Überleben. Dem Ersten der Tod, dem
zweiten die Not, dem dritten das Brot – nicht umsonst galt dieser Spruch den Moorbauern. In der heutigen Zeit jedoch erweisen sich viele Naturschutzbemühungen als Lippenbekenntnisse. Während man auf der einen Seite den Menschen aussperrt, werden auf der anderen Seite einschneidende Eingriffe in die Natur genehmigt. Da werden Wasserläufe zerschnitten und verrohrt, Ausgleichsgebiete für Bodenversiegelungen liegen direkt an Autobahnen oder Hauptverkehrsstraßen. Als „Ausgleich“ dürfen hektarweise Gebiete nicht mehr von Privatpersonen betreten werden. Ausnahmen gibt es in fast allen „Verordnungen zum Naturschutzgebiet“ für Landwirte, aber auch explizit für Jäger und Angler, die dort sogar ihrer Tätigkeit nachgehen dürfen. Im Klartext: Tiere beobachten ist verboten, jagen und angeln nicht.

Fazit

Ursprüngliche, d.h. vom Menschen völlig unberührte Natur gibt es in Ostfriesland (wie auch sonst in Norddeutschland) nicht mehr. An einigen Stellen sind zwar noch Überreste zu finden (z.B. am Ewigen Meer), auch das Watt ist noch in einem vergleichsweise natürlichem Zustand, aber insgesamt ist aus der Natur- eine Kulturlandschaft geworden.

Die Natur hat sich jedoch angepasst und ihre Nischen besetzt. Die typisch ostfriesischen Landschaften, von den Wallhecken der Geest zur fast baumlosen Weite der Marsch, haben durchaus ihren Reiz und bieten eine den Bedingungen angepasste Flora und Fauna. Moorgebiete werden wieder vernässt und Wälder aufgeforstet, kleine Gehölze haben sich teilweise ungestört entwickeln können. Es gibt also durchaus noch viel zu entdecken.